Gedanken in Weiss – Gedichte aus Taiwan

Zweieinhalb Jahre nach Erscheinen des Buches Kriegsrecht – Neue Literatur aus Taiwan veröffentlichte der IUDICIUM Verlag München
einen Lyrikband des Taiwanischen Dichters Cheng Chiung-ming 鄭烱明 “Gedanken in Weiss”, in einer zweisprachigen Ausgabe mit deutscher Übersetzung von Thilo Diefenbach.

Unter den vielen Dichtern, die Taiwan nach der Machtübernahme der Kuomintang 1945 hervorbrachte, nimmt Cheng Chiung-ming eine besondere Stellung ein: Denn zum einen gehörte er in den 1970er Jahren, als noch das Kriegsrecht über die Insel verhängt war, zu den mutigsten unter den politisch orientierten Lyrikern, und zum anderen begründete er in den 1980er und 1990er Jahren gleich zwei bedeutende Literaturzeitschriften, die nicht nur zahlreichen Autoren ein Forum boten und bieten, sondern auch interessante und wichtige Dokumente zur taiwanischen Literaturgeschichte veröffentlichen.

Cheng Chiung-ming wurde 1948 in Kaohsiung geboren. Er studierte Medizin und arbeitete anschließend bis zu seiner Pensionierung 2014 als Arzt in Krankenhäusern und einer privaten Praxis. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1964 in der renommierten Literaturzeitschrift »Bambushut« (Li shih-k’an). 1982 rief er das Journal »Welt der Literatur« (Wen-hsüeh chieh) ins Leben und 1991 »Literarisches Taiwan« (Wen-hsüeh T’ai-wan). Der Band Gedanken in Weiß stellt – im Original und in Übersetzung – über sechzig seiner Gedichte vor, die seinen sieben zwischen 1971 und 2018 erschienenen Werken entnommen sind. Während Cheng in seiner frühen Lyrik oft Erfahrungen aus seinem Arbeitsalltag aufgriff, wandte er sich später politischen Themen zu, und zwar häufig in einer Weise, die zu Zeiten des Kriegsrechts (1949–1987) durchaus riskant war. Seine jüngeren Gedichte widmen sich der Frage nach Tod und Vergänglichkeit.

Der Augenzeuge
Ich bin Augenzeuge
Einer Tragödie
Seit dem Prolog, seit dem ersten Akt
Bin ich Augenzeuge
Mit scharfem Blick
Beobachte ich jeden Aspekt der Wirklichkeit

Und wenn ein Mensch in einer dunklen
Straßenecke seufzt und weint
Ganz heimlich weint,
Dann bin ich Augenzeuge
Muss ich weiterleben
Wie ein gefangener Fisch
Und Zeugnis ablegen für die gedemütigten Seelen
(1980)

Wenn mein Kopf dir gehört
Wenn mein Kopf dir gehört
Warum kann ich dann selbständig atmen

Wenn mein Kopf dir gehört
Warum kann ich dann selbständig denken

Wenn mein Kopf dir gehört
Warum darf ich dann Kritik üben

Wenn mein Kopf dir gehört
Warum kann ich dann Protestgedichte schreiben

Halte deine Hirngespinste nicht für Wunschträume
Setze nicht alles daran, dass sich dein Gegenüber unterwirft

Wer anderen das Existenzrecht abspricht, negiert sich selbst
Ganz egal, wie viel Unrecht ihm früher einmal widerfahren ist

Nur eine aufrichtige und sanftmütige Einstellung
Wird den Himmel über der Meerenge in ewigem Blau erstrahlen lassen
(2017)

Thilo DiefenbachThilo Diefenbach

Thilo Diefenbach, geb. 1975 am Niederrhein, studierte Sinologie und Germanistik in Frankfurt, seine Promotion in Köln erfolgte 2004 mit „Kontexte der Gewalt in moderner chinesischer Literatur.“
Sein Buch „Zwischen Engagement und Resignation. Auszüge aus dem Yulizi und anderen Texten von Liu Ji (1311-1375)“ erschien 2012.
Mittlerweile ist Thilo Diefenbach in Berlin ansässig und dort als Übersetzer tätig. Er publizierte bereits zahlreiche Übersetzungen und Artikel sowohl zur vormodernen chinesischen Literatur als auch zur neueren und älteren Literatur Taiwans, zuletzt die 30 Kurzgeschichten umfassende Anthologie „Kriegsrecht. Neue Literatur aus Taiwan“ (2017). Er ist als ständiger Mitarbeiter der „Hefte für Ostasiatische Literatur“ (ebenfalls vom IUDICIUM Verlag herausgegeben) tätig und dort vor allem für taiwanische Literatur zuständig. Außerdem ist er Mitglied des Redaktionsteams von „ASIEN“.

Cheng, Chiung-ming
Gedanken in Weiß
Gedichte aus Taiwan

2019 · ISBN 978-3-86205-613-2
192 Seiten, 7 farbige Abb., geb., EUR 20,—
Zweisprachige Ausgabe Chinesisch / Deutsch

Gedanken in Weiss Nr. 33

Aus dem taiwanischen Chinesisch übersetzt von Thilo Diefenbach

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Text- und Fotocredit: IUDICIUM Verlag

 

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